Bekenntnis
23.02.2010Das Frühstück mit dem Käse viel spärlich aus. Nicht dass nicht ausreichend da wäre. Hatte keinen Appetit. Stattdessen machte ich mich fertig mich beim Portier zu melden. Das ist so jemand wie ein Hausmeister oder Verwalter. Die österreichische Art der Kommunikation muss ich wohl noch erlernen. Das fast schon vornehme und kaiserliche Verhalten, die Mimik und die Intonation der Worte, nein Klänge. Zwischen den Zeilen oder vielmehr Tönen vermutet man dann immer ein wenig Distanz und Erhabenheit. Ich kann mich aber auch täuschen. Nun, dieser Portier teilte mir mit, ich müsse mich anmelden beim Stadtamt. Ein Formular mit den wichtigen Daten bekam ich auch. Dass ein scheinbar für die Österreichische Bürokratie wesentlicher und offensichtlich verwaltungstechnisch hoch brisanter Aspekt entscheidend sein muss, sollte ich später merken. Ich machte mich also auf den Weg. Nutzte dekadent mein Navigationsgerät, um zumindest in die Richtung der Bibliothek zu kommen. Was ich hier übersah, war die Einstellung. Ich wunderte mich doch ein wenig, warum die Zeitberechnung meiner Ankunft sehr knapp bemessen war. Innerhalb von zwei Minuten sollte ich nach Ansicht meines elektronischen Stadtplanes an meinem Ziel sein. Statt den Modus für Fußgänger einzustellen, leitet mich das Navigationsgerät als wär ich ein Auto.
Die Umgebung sah ich nun im Hellen. Eigentlich ganz nett hier. Recht beschaulich. Auch die Strecken und Wege scheinen für Fußgänger zu bewältigen zu sein. Leider hat mich der kaiserliche Portier zum falschen Campus geschickt. Dort waren nur die Bibliotheken der anderen Fakultäten, jedoch nicht die ich suchte. Also wieder zurück, leicht nördlich gehalten zum Medizinischen Campus auf dem Gelände des Landeskrankenhaues. Ja, hörte ich. Hier sei ich richtig. Hier gäbe es auch Bücher für Mediziner. Gut. Dann hätte ich gerne eine Lesekarte. Die gäbe es nur, mit einem Studentenausweis. Den bekomme ich erst am Freitag. Eine kleine Niederlage, denn eigentlich wollte ich schon mal das ein oder andere Standardwerk ausleihen. So wie an der Heimatuni, wenn die ganzen wenig sozial angehauchten Studenten, meist stammend von außerhalb der EU, alle Bücher bunkern, als gibt es keinen Morgen mehr. Schade, haben die mir einen Strich hier durch die Rechnung gemacht.
Eine Zahnärztin habe ich hier auch schon gefunden. Die Nummer vom Praxisschild habe ich gleich notiert. Vielleicht meldet sich mein Zahn nach dieser Wurzelbehandlung nochmal. Einige Straßen, die Österreicher sagen tatsächlich Gassen, weiter habe ich auch eine Möglichkeit gefunden, meine Handkasse aufzufüllen. Zurück beim freundlichen „Kaiser“ an der Portierloge bekam ich noch einen Stempel, dass ich jetzt auch offiziell zu dem Amt gehen konnte.
Man macht sich wohl manchmal keine Vorstellungen, was Ausländer in einem Land so alles bedenken müssen. Einen Handyvertrag, man will ja erreichbar sein, bekommt man nur, wenn man ein Gehaltskonto hat. Das wiederum nur, wenn ein fester Wohnsitz nachzuweisen ist. Diesen Nachweis erhalte ich erst, wenn zum Beispiel im Wohnheim auch der Stempel unter das Meldeformular gesetzt wurde. Vieles zu bedenken.
Die wenig serviceorientierte Dame vom Schalter fragte mich nach meinem österreichischen Ausweisdokument. Das aber, nachdem sie das Formular durchgesehen hatte und scheinbar nicht bemerkte, dass ich bei Staatangehörigkeit „Deutsch“ eingetragen habe. So konnte ich ihr nur meinen Personalausweis vorlegen. Jetzt kamen wir zu dem bereits erwähnten Problem: Welche Kirche der evangelischen Religionszugehörigkeit ich denn angehören würde. Evangelisch-lutherisch kannte sie nicht und in ihren vorher wenig motiviert dreinschauenden Augen machte sich Stress und Panik breit. Sie müsse „das hier unbedingt eingeben“, sonst bekäme ich „keine Aufenthaltsmeldung“. Ok, dachte ich mir. Jetzt wird es eng. Ob ich jetzt nun neureformiert oder dem Augsburger Bekenntnis angehören würde konnte ich natürlich nicht sagen. Ein herbeigeeilter Kollege stufte mich nach Inaugenscheinnahme als Mensch mit dem Habsburger Bekenntnis ein.
Passend zu diesem Erlebnis staunte ich nicht schlecht, dass die ehemalige Landesbischhöfin, jetzt Ratsvorsitzende der EKD betrunken am Steuer ihres Fahrzeuges „erwischt“ wurde, wie eine heimatliche Zeitung am heutigen Tag vermeldete. Wie war das mit dem Wein und Wasser und predigen? Wer den Schaden hat: unter einem Artikel las ich einen Kommentar zur Causa Kässmann. Der Autor nannte sich “Klosterfrau Melissengeist”.