Monatsarchiv 02/2010

Bekenntnis

* admin - 23.02.2010 - 21:39 sortiert in Graz, beobachtet, das Leben

Das Frühstück mit dem Käse viel spärlich aus. Nicht dass nicht ausreichend da wäre. Hatte keinen Appetit. Stattdessen  machte ich mich fertig mich beim Portier zu melden. Das ist so jemand wie ein Hausmeister oder Verwalter. Die österreichische Art der Kommunikation muss ich wohl noch erlernen. Das fast schon vornehme und kaiserliche Verhalten, die Mimik und die Intonation der Worte, nein Klänge. Zwischen den Zeilen oder vielmehr Tönen vermutet man dann immer ein wenig Distanz und Erhabenheit. Ich kann mich aber auch täuschen. Nun, dieser Portier teilte mir mit, ich müsse mich anmelden beim Stadtamt. Ein Formular mit den wichtigen Daten bekam ich auch. Dass ein scheinbar für die Österreichische Bürokratie wesentlicher und offensichtlich verwaltungstechnisch hoch brisanter Aspekt  entscheidend sein muss, sollte ich später merken. Ich machte mich also auf den Weg. Nutzte dekadent mein Navigationsgerät, um zumindest in die Richtung der Bibliothek zu kommen. Was ich hier übersah, war die Einstellung. Ich wunderte mich doch ein wenig, warum die Zeitberechnung meiner Ankunft sehr knapp bemessen war. Innerhalb von zwei Minuten sollte ich nach Ansicht meines elektronischen Stadtplanes an meinem Ziel sein. Statt den Modus für Fußgänger einzustellen, leitet mich das Navigationsgerät als wär ich ein Auto.

 

Die Umgebung sah ich nun im Hellen. Eigentlich ganz nett hier. Recht beschaulich. Auch die Strecken und Wege scheinen für Fußgänger zu bewältigen zu sein. Leider hat mich der kaiserliche Portier zum falschen Campus geschickt. Dort waren nur die Bibliotheken der anderen Fakultäten, jedoch nicht die ich suchte. Also wieder zurück, leicht nördlich gehalten zum Medizinischen Campus auf dem Gelände des Landeskrankenhaues. Ja, hörte ich. Hier sei ich richtig. Hier gäbe es auch Bücher für Mediziner. Gut. Dann hätte ich gerne eine Lesekarte. Die gäbe es nur, mit einem Studentenausweis. Den bekomme ich erst am Freitag. Eine kleine Niederlage, denn eigentlich wollte ich schon mal das ein oder andere Standardwerk ausleihen. So wie an der Heimatuni, wenn die ganzen wenig sozial angehauchten Studenten, meist stammend von außerhalb der EU, alle Bücher bunkern, als gibt es keinen Morgen mehr. Schade, haben die mir einen Strich hier durch die Rechnung gemacht.

Eine Zahnärztin habe ich hier auch schon gefunden. Die Nummer vom Praxisschild habe ich gleich notiert. Vielleicht meldet sich mein Zahn nach dieser Wurzelbehandlung nochmal. Einige Straßen, die Österreicher sagen tatsächlich Gassen, weiter habe ich auch eine Möglichkeit gefunden, meine Handkasse aufzufüllen. Zurück beim freundlichen „Kaiser“ an der Portierloge bekam ich noch einen Stempel, dass ich jetzt auch offiziell zu dem Amt gehen konnte.

Man macht sich wohl manchmal keine Vorstellungen, was Ausländer in einem Land so alles bedenken müssen. Einen Handyvertrag, man will ja erreichbar sein, bekommt man nur, wenn man ein Gehaltskonto hat. Das wiederum nur, wenn ein fester Wohnsitz nachzuweisen ist. Diesen Nachweis erhalte ich erst, wenn zum Beispiel im Wohnheim auch der Stempel unter das Meldeformular gesetzt wurde. Vieles zu bedenken.

Die wenig serviceorientierte Dame vom Schalter fragte mich nach meinem österreichischen Ausweisdokument. Das aber, nachdem sie das Formular durchgesehen hatte und scheinbar nicht bemerkte, dass ich bei Staatangehörigkeit „Deutsch“ eingetragen habe. So konnte ich ihr nur meinen Personalausweis vorlegen. Jetzt kamen wir zu dem bereits erwähnten Problem: Welche Kirche der evangelischen Religionszugehörigkeit ich denn angehören würde. Evangelisch-lutherisch kannte sie nicht und in ihren vorher wenig motiviert dreinschauenden Augen machte sich Stress und Panik breit. Sie müsse „das hier unbedingt eingeben“, sonst bekäme ich „keine Aufenthaltsmeldung“. Ok, dachte ich mir. Jetzt wird es eng. Ob ich jetzt nun neureformiert oder dem Augsburger Bekenntnis angehören würde konnte ich natürlich nicht sagen. Ein herbeigeeilter Kollege stufte mich nach Inaugenscheinnahme als Mensch mit dem Habsburger Bekenntnis ein.

Passend zu diesem Erlebnis staunte ich nicht schlecht, dass die ehemalige Landesbischhöfin, jetzt Ratsvorsitzende der EKD betrunken am Steuer ihres Fahrzeuges „erwischt“ wurde, wie eine heimatliche Zeitung am heutigen Tag vermeldete. Wie war das mit dem Wein und Wasser und predigen? Wer den Schaden hat: unter einem Artikel las ich einen Kommentar zur Causa Kässmann. Der Autor nannte sich “Klosterfrau Melissengeist”.

Angekommen

* admin - 23.02.2010 - 21:02 sortiert in Graz, beobachtet, das Leben

Nach fast neun Stunde Fahrt aus Hannover sind wir in Graz angekommen. Punkt 19.00Uhr war Einlass in das Zimmer. Das Wohnheim, mit einem Charme der 60er Jahre. Die Wände hatten sicherlich schon einmal hellere und weissere Zeiten gesehen. Die Flure gehalten in einen geschmackvollen braun, grau und ähnlichen Farbtönen. Beim ersten Blick ins Zimmer bekam ich fast das Heulen. Nicht dass ich ein Luxushotel in erster Güte mir vorgestellt hätte. Die Größe von geschätzten 10 Quadratmetern war nicht das Problem. Es roch muffig, die Luft war heizungswarm. Die Österreicher scheinen ein Faible für warme Zimmer zu haben. Erstes Lüften. Etwas besser. Die Schränke und Regale gehalten ebenfalls in einem gedeckten Braunton. Wieder dieser Charme der vergangenen, besseren Zeiten. Wohin mit dem ganzen Hausstand? Mutter hatte zu Hause an alles gedacht: Pfanne, Müllbeutel,, Putzmittel, Spülmittel, Handtücher, Lappen, Schwämmchen. Alles dabei. Drei Umzugskartons, eine große und eine kleinere reisetasche sollten in den Schränken verstaut werden. Kurz durchwischen. Auch nicht besser. Nun muss dann der Duft von Bulgari herhalten. Der Duft nach Wasser, Frische und Freiheit namens Aqua durchströmt das Zimmer. Wenn auch nur kurzzeitig.

Erste Kontaktaufnahme mit einem Inder, aus Südindien. In Englisch. Er studiert auf PhD über Heidelberg, ist schon seit sechs Monaten in Graz. Dafür könnte er etwas besser Deutsch sprechen. Freundlich zeigt er mir die Duschen, die Toiletten und die Küche. Würde ich das Praktikum der Mikrobiologie hier machen, hätte ich einen sicherlich immensen Lernerfolg. Ich möchte beim ersten Vorbeigehen man nicht wissen, was da so alles noch mit auf den Flächen wohnt, ohne Miete zu zahlen.

Erste sms nach Hause: „gut angekommen“. Schnell nun noch einen Gang zum einkaufen. Sixpack Bier, man weiss nie, zu welchem Anlass ich so was noch brauchen könnte. Mineralwasser, gleich eine ganze Kiste. Viel trinken soll man ja. Etwas Käse und Aufstrich. Zwei Brötchen für den nächsten Morgen.  Hier stellt sich schon das nächste Problem für mich. Vielleicht stelle ich mich auch an? Ist es Ekel? Das medizinische Hintergrundwissen? Oder eine Frage der Erziehung, des eigenen Lebensstils? Auf dem Gang schräg vor meinem Zimmer stehen fünf große Kühlschränke. Hinter der Tür sind kleine Schließfächer. Sehen irgendwie aus wie Schweizer Bankschließfächer. Habe dann auch mein Schließfach gefunden. Einer der beiden kleinen Schlüssel erlaubt mir einen Blick auf das Grauen. Mein Vorgänger oder wohl dessen Vorgänger scheinen etwas exotisch gespeist zu haben. Übelriechend, fast schon wieder verlockend strömt der Duft mir entgegen. Wenig definierbares in einem alten Marmeladenglas. Eine kleine Tüte. Der Inhalt, wohl aus dem Glas befindet sich in dem Schweizer Schließfach verteilt. Vielleicht kann ich mir davon noch eine Stulle schmieren? Na, wenigstens war es kühl gelagert.  Improvisation ist angesagt: man nehme eine kleine blaue Tüte des schwedischen Möbelhauses, lege seine zu kühlenden Köstlichkeiten hinein. Nun den dünnen Metallkleiderbügel etwas zurecht biegen. Die eine Seite wird am Regler der Heizung befestigt, das andere kunstvoll zurechtgebogen mit dem blauen Band der Einkaufstüte konstruiert. Und aus dem Fenster gehängt. Kühlschrank fertig. Vielleicht werde ich mit den Desinfektionsmitteln der heimischen und weltweit agierenden Pharmafirmen in den nächsten Tagen mal das Schweizer Bankschließfach öffnen und die Spuren meines Vormieters zu beseitigen.

Zweiter Rundgang auf der Suche nach dem Menschen für die Internet-Einrichtung. Das Internet soll in den nächsten Wochen der Kontakt zur Außenwelt sein, nach Hause, in mein Leben.  Freundliche begrüßt mich ein Mensch mit schwarzem Bart. Die Klischees sind sofort wieder da. Typen dieser Art stehen auf irgendwelchen, vielleicht politisch oder anders motiviert erstellten Listen. Auch sehr freundlich. Düfte aus einem anderem Land kriechen aus seinem Topf, den er in der Hand hält in meine Nase. Kenne ich schon. Macht mir nichts mehr aus. Warum können die Menschen aus den Bereichen dieser Welt niemals das englische „th“ aussprechen? „Roomnumber tree two two“. Zu welchem Baum muss ich gehen? Ich lasse mir natürlich nichts anmerken. Freundliches „nice to meet you“ und „thanks a lot“ meinerseits.

Pad-Kaffemaschine aufgestellt, ein grünes Deckchen druntergelegt. Sieht schon etwas wohnlicher aus. Die weissen Plastikboxen habe ich systematisch, geradezu generalstabsmäßig gepackt: eine für den Vorrat und eine mit Küchen- und Haushaltsutensilien.

Den Rest meiner Kleidung und Bücher verstaue ich in dem vorhanden Platz. Das muss ich allerdings sagen: Viel Stauraum ist hier schon.

Die Abendstunden nahten und so langsam wurde es man ruhiger auf den Gängen. Erstaunlich, dachte ich, denn irgendwie kennt man doch immer diese Studenten, die feiernd und frohlockend im Wohnheim sich rumtreiben. In Österreich scheint das nicht mehr so aktuell zu sein, wie ein online-Artikel  des Kurier morgens des 23.02.2010 mitteilte. Der Stress und die psychsiche Belastung für die Studenten sei zum Teil sehr hoch.  Während ich nebenbei mich um die Netzwerk- und Internetzugänge kümmerte und einrichtete, konnte ich eine „Verbindung“ in die Heimat herstellen. „Im Norden nichts neues“, wurde vermeldet.