Killekille
admin - 13.03.2010 - 15:55 sortiert in Graz, beobachtet, das Leben, erinnert, fragwürdig
Es war das große Ereignis, das ich schon gespannt erwartete. Die Bahnfahrt in die Heimat.
Mit dem Bus zum Bahnhof in Graz, ein eigentlich ganz netter und vorallem sauberer Bahnhof. Als ich meinem reservierten Platz in dem Zug nach Linz aufsuchte, musste ich ein junges Mädel bitten, von diesem aufzustehen. Gut, es war nicht so überfüllt der Zug, aber wenn ich schon die Reservierungsgebühr bezahle, dann will ich das auch voll auskosten. Die beiden Mädels, scheinbar Studentinnen. Von der Bauart Rasterzöpfe, Piercings durch die Nasenwurzel. Ok, jeder und jede nach eigener Weise. Knappe drei Stunden dauerte die Fahrt durch die dunkle schneebedeckte Landschaft der Steiermark.
Schnell in Linz dann rüber in den Nachtzug nach Hamburg. Keine neun Minuten blieben mir. Mit Tasche quer durch den Bahnhof. Angekommen, Wagen gefunden. Abteil gefunden. Platz gefunden. Besetzt. Hmmm, dachte ich mir. Das geht ja gut weiter. Aber das junge, wohl Pärchen machte keine Anstalten und wechselte den Platz. Hier sollte ich nun länger bleiben. In diesem Sechser-Abteil hatte ich in Fahrtrichtung am Gang, also an der Tür meinen Platz.
Schauen wir uns doch einmal die Charaktere an:
Platz (Gang, gegen die Fahrtrichtung): Aktuell noch Studentin, hatte keine Reservierung.
Platz (Mitte, gegen die Fahrtrichtung): Fast 60-jähriger Mann, wohl polnischer, russischer oder ähnlicher Herkunft. Sah mit seinem Basecap aus wie ein Teddybär.
Platz (Fenster, gegen die Fahrtrichtung): Alterbativ angehauchte, Rucksackreisende.
Platz (Fenster, in Fahrtrichtung): Junge Frau, unauffällig. Lediglich ihren silbernen Glitzerstern im Haar, billig aussehend, musste ich immer aus den Augenwinkeln fixieren.
Platz (Mitte, in Fahrtrichtung): ca 40-jährige Frau, ebenfalls unauffällig. Las ein ausländisches Buch. Lesezeichen war ein Dreifach-Passbild eines Kindes. Wie sich später herausstellte: “Ik fahren zun erste Mal mit Zug. Dahe ik haben so viele Panik”
Platz (Gang, in Fahrtrichtung): Sympatischer Student, charmant, gutaussehend. Also ich.
Man muss ich ja arragieren, in dieser Zweckgemeinschaft.
Nicht einmal ganz aus dem Bahnhof Linz herausgefahren, scharchte es schon neben mir aus der Kopfstütze. Es war die Panikerin. Der Teddybär saß die ganze Zeit aufrecht, seine Beine aufgestellt und auseinander. Die Mütze hatte er inzwischen abgesetzt. Das Telefon, steinzeitlicher Art, war nun sein Speilzeug. Die Alternative am Fenster hinten las gedankenversunken in ihrem Buch. Verschlang innerhalb von drei Minuten eine quadratisch, praktisch, gute Schokolade. Ich habe auf die Uhr geschaut.
In Passau stieg die Unauffällige mit dem Glitzerstern aus. Stattdessen kam später ein hektischer Mann den Gang herunter. Rollkoffer und Aktenkoffer. In unser Abteil geschaut. Etwas unkoordiniert seinen großen Rollkoffer in die Ablage legen wollen. Geht nicht. Dann den kleinen Koffer. Passt. Dann nahm er Platz auf dem Platz des Glitzersterns.
Kurz nach Ausfahrt aus dem Bahnhof Regensburg kam dann das Schnarchmäulchen herein. Sie setzte sich mir gegenüber, auf den Platz der Studentin. Die erneute Fahrscheinkontrolle gegen 02.00Uhr weckte alle wieder, die versuchten ein wenig zu schlafen. Ich döste mehr. Der Aktenkoffer-Mann wurder vom Schaffner ermahnt, dass doch bitte keine Koffer auf dem Gang stehen sollten, es sei ein Fluchtweg. Das hätte ich dem Aktenkoffer-Mann und Schnarchmäulchen auch vorher sagen können. Habe ich aber nicht. Vielleicht hätten sie beide selbst auf die Idee kommen können. Denn in fast jeder Kurve fiel einer der Koffer um und versperrte den Gang. Nach einigen Diskussionen zwischen Aktenkoffer und Schaffner zog der Kunde von dannen. Wohin weiss niemand.
Es kehrte wieder Ruhe ein. Ich schlief wohl noch ein wenig. Jedes Mal, wenn ich wach wurde, huschten die Lichter der kleinen Ortschaften am Fenster vorbei. Lichter und Scheinwerfer von Fabriken und Firmn erhellten das Abteil für einen Bruchteil eines Augenblickes. Die Fahrt an sich war ruhig. Ein schnurrendes und ganz feines Vibrieren schaukelte wohl jeden hier in den Schlaf. Zu fünft in unserer Bleibe baute sich jeder sein Nachtlager. So richtig sitzen konnte ich nicht. Mein Fahrgestell konnte ich auch nicht ausfahren, weil der Koffer von Schlafmäulchen vor mir stand. Es fehlten eigentlich noch die Hühner und eine Kuh. Dann hätte das alles auch noch was cooles, was exotisches gehabt.
Teddybär zog sich die Schuhe aus. Das Dickerchen in der Ecke am Fenster legte sich zurecht und döste wohl auch.
Zwischenzeitlich beobachtete ich die Schlafenden weiter. Teddybär schob seine Beine jetzt auch mal nach vorne aus. Schnarchmäulchen machte einen zufriedenen Eindruck. Ihre Augen hinter der glasbaustein anmutenden Brille waren geschlossen. Den Kopf leicht nach hinten geneigt, sah die vielleicht 40-jährige, blonde, leicht dickliche Frau friedlich aus. Jetzt kam mein medizinischer Blick wieder dazu: Frau, circa 40 Jahre, Blond, im gebährfähigen Alter, adipös. Na. Die wird sicherlich irgendwann man mal Gallensteine bekommen.
So richtig wach wurde ich, als Schnarchmäulchen mir ihre weissen Tennissöckchen an meinen Oberschenkel legte. Im Schlaf natürlich. Ganz unbeabsichtigt. Auch der Teddybär schob nun seine grau besockten Füße auf den ihm gegenüberliegenden Platz. Fast in das Gesicht von der ausländisch Träumenden, die sich auf dem beiden Plätzen neben mir breit gemacht hat und nun wohl seit einiger zeit quer über beide Plätze zur Fahrtrichtung lag.
Jetzt ging gar nichts mehr. Ich holte meine Schwarzbrot-Stullen heraus und machte Brotzeit. Ob jetzt nun mein Aroma von Käse, Putenbrust und Schwarzbrot das Abteil stören könnte, war mir auch egal. Störte irgendwie auch keinen.
Wir fuhren in den Bahnhof Göttingen ein. Aha! Die Ankunft in der anderen niedersächsichen Universitätsstadt verzögerte sich wohl um dreissig Minuten. Das ließen die Anzeigetafeln verkünden. Also planmäßige Ankunft in der ehemaligen EXPO-Stadt wohl ausgeschlossen.
Der Zug fuhr weiter. Kurz hinter Göttingen klinelten fast gleichzeitig drei Wecker von Mobiltelefonen. Clever. Da für ca 06.13Uhr die Ankunft in Hannover geplant war, wollten die alle sich noch mal schnell fertig machen. Ich war ja nun wach und erlaubte mir einen Spaß. Wo sind wir? Gleich in Hannover? Nein, meinte ich. Gleich in Hamburg. Panik. Unruhe.
Fairerweise klärte ich alles auf. Die letzten Toilettengänge. Meine Thrombose-Prophylaxe hatte ich schon vorher gemacht: viel trinken, Muskelpumpe durch Heben und Senken der Füße im Stand und den Gang mal hoch und mal runter laufen.
Plötzlich Hektik. Die anderen vier rissen auf einmal ihre Taschen, Jacken und Koffer herunter. “Hannover!” schrie jemand. Alle raus. Dieser Spuk dauerte vielleicht ein, maximal eineinhalb Minuten. Während ich Deckung suchte, erhaschte ich einen Blick. Hannover-Messe, Bahnhof Laatzen. Cool und routiniert machte ich mich bei der Durchfahrt beim Bismarckbahnhof so langsam ausstieg-fertig.
Memo an mich: Nächstes Mal bei Tennissöckchen in meinem Nahbereich. Killekille machen.

Die erste Überraschung: